Cosmovisions Of The South | Vernissage
© FSU-Exzellenzcluster
FSU-Exzellenzcluster „Imaginamics“ eröffnet Doppelausstellung indigener Kunst in Jena
Vor dem Hintergrund der Frage, wie Gesellschaften und ihre Akteure ihre Geschichte, Gegenwart und Zukunft in sozialen Praktiken imaginieren und gemeinsame Vorstellungen, Bilder und Narrative hervorbringen, führt die Ausstellung indigene künstlerische und wissenschaftliche Forschungspositionen aus dem südlichen Lateinamerika zusammen. Kunst wird hier als Medium und dynamischer Raum des Neuerstarkens und der kollektiven Selbstermächtigung kultureller Identitäten verstanden, die insbesondere subalternisierten nicht-okzidentalen Kulturen die Möglichkeit zur Neukonstitution gibt.
Im Zentrum der Ausstellung steht die kritische Dekonstruktion eurozentrischer Blickregime, die indigene Gemeinschaften, ihr Wissen und ihre Kosmologien historisch musealisiert, exotisiert oder in eine als abgeschlossen gedachte Vergangenheit verbannt haben. „Cosmovisions of the South“ begreift indigene Kosmovisionen, Philosophien und künstlerische Praktiken stattdessen als lebendige, relationale Projektionsflächen des Widerstands. Sie zeigen eindrücklich, wie durch die visuelle und narrative Reimagination von Geschichte und Gegenwart neue, dekoloniale Zukunftsentwürfe im Hier und Jetzt geformt werden.
Der erste Ausstellungsteil, aus Brasilien, „The Earth is the Womb of Time“ / „Die Erde ist der Schoß der Zeit“, unter Mitwirkung von João Paulo Lima Barreto und Anita Ekman, verbindet zeitgenössische Kunst, indigenes Wissen, Archäologie und geoanthropologische Forschung. Der Titel geht auf den indigenen Archäologen Carlos Augusto da Silva („Tijolo“) zurück, der den Amazonas-Regenwald als Kin versteht, als eine verwandtschaftliche Präsenz der Ahnen mit eigener Stimme, Geschichte und Handlungsfähigkeit, und damit alternative Wege zum Weltverständnis vorschlägt.
Die gezeigten Arbeiten – darunter Werke der Awaete-Künstlerinnen Kumé Assurini und Murapijawa Assurini sowie das transdisziplinäre Projekt „Atlas Brasiliensis“ (in Zusammenarbeit mit Ivan Lima Barreto, den Künstlerinnen Anita Ekman und Frauke Zabel sowie dem Historiker Freg J. Stokes vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie) – setzen sich kritisch mit dem kolonialen Erbe europäischer Sammlungen auseinander. Sie streben ein Verständnis der biologischen Vielfalt und Kultur des Amazonasgebiets an, das sie nicht als bloße Ressource, sondern als vielschichtiges Territorium des Wissens zur Erhaltung und Regeneration von Ökosystemen erfahrbar machen. Der zweite Ausstellungsteil, aus Chile, mit dem Titel „Ancestrality is also built in the present“ /
„Anzestralität wird auch in der Gegenwart konstruiert“, widmet sich dem malerischen Werk der Mapuche-Travesti-Künstlerin Poleo Painemal. Gegen die kolonisierende Haltung, Indigenität auf folkloristische Artefakte oder Kunsthandwerk zu reduzieren, begründet Painemal mit ihrer Strömung des "Realismo Travesti" eine kraftvolle, indigen-queere Präsenz im europäischen und bürgerlichen Genre der Porträtkunst.
Mapuche bedeutet „Menschen der Erde“. Basierend auf dem Ñütram, der traditionellen Mapuche-Praxis des horizontalen, beziehungsstiftenden Gesprächs, erforscht Poleo Painemal die untrennbare Einheit von Körper und Erde/Land (Cuerpo-Territorio). Ihre Porträts geben indigenen und afrodeszendenten Trans-, Travesti- und nicht-binären Personen durch die Konsequenz der vollständigen Einschreibung ihrer Ahnen- und Familiennamen oder durch die Situierung im ursprünglichen Mapuche-Gebiet ihre historische Würde zurück. Ihr künstlerisches Schaffen verdichtet sich in einem ökologisch-politischen Manifest: „Wenn das cis-binäre Geschlecht eine Monokultur ist, sind wir Travestis der ursprüngliche Mischwald“.
Vernissage und allgemeine Informationen
Die feierliche Eröffnung findet am Donnerstag, den 29. Oktober 2026, um 18:00 Uhr im Trafo (Nollendorfer Straße 30, 07743 Jena) statt. Hier führen die Künstler:innen (auf Portugiesisch, Englisch, Spanisch und Deutsch) die geladene Presse wie auch die interessierte Öffentlichkeit durch die beiden Teilausstellungen und laden zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dekolonialer Kunstpraxis, gesellschaftlichen Zukunftsentwürfen und indigenem Wissen und Imaginieren ein.
gez. Hammerschmidt / Roberts
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